Blog Indien – von Leila – Teil 1

22/01/2018

Das war ja ein lustiges ankommen! Übermüdet (etwa zwei Stunden Halbschlaf im Flugzeug) kam ich in Bangalore an. Zuerst musste ich ein Formular ausfüllen, dann war da eine riesige Warteschlange für alle Visum-Einreisenden. Es ging auf die indische Weise sehr langsam vorwärts, ich wartete mindestens eine Stunde. Ich hoffte, der Fahrer der Schule ist nicht schon wieder abgefahren. Ich kam zur Gepäckausgabe und da war ein sehr netter Angestellter der mir half, meinen Koffer zu finden und wollte ihn mir schliesslich transportieren helfen. Zum Glück nuschelte er etwas von Geld, daraufhin habe ich schnell dankend abgelehnt ich könne meinen Koffer selber tragen.

Dann ging es darum, meinen Fahrer zu finden. Zuerst fand ich nur die Taxifahrer, aber als ich ganz nach draussen trat war das mal ein Anblick: Ich trete aus der Schiebetür und mindestens hundert, wenn nicht mehr, indische Männer mit Namen auf Plakaten stehen da. Es gilt anzumerken, dass durch die Wartezeiten beim Visa die ankommenden Gäste tröpfchenweise durch den Empfang kommen, ich somit ganz alleine aus der Tür trat und (gefühlt) alle Blicke auf mich gerichtet waren, alle hofften womöglich, dass ihr Zettel mit meinem Namen beschriftet war. Zum Glück fand ich meinen Namen sehr schnell!

Die Autofahrt war nicht minder abenteuerlich, an das «indian style driving» habe ich mich mittlerweile etwas gewöhnt. Das heisst hupen so oft wie möglich, drängeln, rechts überholen, links überholen, auf der Seite kurz halten um dem Kollegen auf der Gegenfahrbahn etwas zu geben, und ja nicht jemanden den Vortritt lassen! Jemand hat mir erzählt es ist für sie wie ein Spiel, wie nahe man es schafft an einem anderen Fahrzeug oder Fussgänger vorbeizukommen ohne es/ihn zu berühren.

ch werde an der Musikschule (The Bangalore School Of Music) von Jofi, dem Administrator empfangen. Er zeigt mir mein Zimmer und die Schule, und nimmt mich gleich mit zum Mittagessen im nahen Restaurant. Gegessen wird nur mit der rechten Hand, Saucen, Reis, Fladenbrot alles von Hand. (sie haben mir schon einen Löffel angeboten, aber ich wollte es auch lernen). Kostenpunkt für zwei Personen inklusive Kaffee 120 Rupees = ca. 1,70 CHF!
Am Nachmittag lerne ich noch einige Musiklehrer kennen, übe ein bisschen Klavier, dann bin ich todmüde und schlafe etwa 15 Stunden.

23/01/2018

Am Morgen ist niemand da bis um 11 Uhr, ich übe und packe meine Sachen fertig aus. Später ruft mich Becky, eine Klavierlehrerin, über das Handy von Jofi an. Ich könne heute Nachmittag den Outreach Choir übernehmen, Sheba, die Chorleiterin sei heute nicht da. Schnell plane ich ein paar Lieder und drucke einiges aus. Meine Zimmernachbarin Mitali, die aus einem anderen Teil Indiens kommt und vorübergehend auch in der Schule wohnt, kocht ein sehr feines Mittagessen bei dem sie mich auch einlädt. Sie wird auch mitkommen heute Nachmittag.
Der Outreach Choir ist ein Projekt der Musikschule an einer gewöhnlichen Schule namens «Sukruba». Wir werden von einer Rikscha dorthin gebracht, die Schule ist auf sehr engem Raum und verschachtelt gebaut, der Schulleiter redet zuerst mit uns, dann gehen wir zusammen ins Klassenzimmer. Dieser Anblick lässt mich auch wieder sehr erstaunen. Ein grosser Raum unter dem Dach des Gebäudes, gemauert ist etwa hüfthoch, darüber «Fenster» ohne Glas. Also quasi eine Dachterrasse mit Dach. Etwa fünfzig indische Kinder in blau-gelber Schuluniform sitzen auf dem Boden und wackeln mit dem Kopf. Als wir reinkommen stehen alle auf und sagen guten Tag oder so was. Dies ist mein erster Eindruck. Der Schulleiter richtet ein paar Worte an die SuS und lässt uns dann alleine. Wir bringen den Kindern einige Lieder bei, das klappt erstaunlich gut! Die Mentalität in der Schule ist sehr anders als in den Schweizer Schulen. Man merkt das die Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen dürfen und nicht müssen. Alle wollen zur Schule, da ihnen das eine Aussicht auf eine spätere Arbeit gibt. Somit sind alle froh und dankbar, wenn sie zur Schule können. Das ändert natürlich auch den Unterricht, als Lehrperson ist diese Grundhaltung sehr angenehm. Bei fünfzig Kindern auf engem Raum ist es aber trotzdem schwierig, Ruhe und Konzentration zu bewahren. Mal schauen, was der nächste Dienstag bringt!

Als wir zur Musikschule zurückkommen treffe ich Becky zum ersten Mal, gleichzeitig fragt mich Jofi, ob ich die Registerprobe der zweiten Geigen des Kinderorchesters übernehmen kann. Klar, ich habe zwar keine Geige dabei, aber kann das ja auch vom Klavier aus anleiten.

24/01/2018

Am Abend kann ich wieder Registerprobe leiten, diesmal mit den ersten Geigen. Ich bekomme zehn extrem verstimmte Kindergeigen zum Stimmen und dann ein fröhliches Gekratze zu hören. Ich finde während der Probe heraus, dass die Noten, die mir gegeben worden sind, für die Kinder alle neu sind und sie in zwei Wochen damit ein Konzert haben werden! Meiner Meinung nach wäre es besser gewesen, wenn die jungen Geiger und Geigerinnen zuerst zuhause hätten üben können. Also übten wir die neuen Noten direkt in der Probe, bis jeder seine Finger zurechtgerückt hatte war es dann auch schon bald wieder Zeit. Bei der Frage, wie lange die Lektion denn geht, antwortete Jofi ungefähr eine Stunde. Dann später, etwa nach einer Stunde meint er, ah oder trotzdem bis etwa acht Uhr (also fast zwei Stunden). Ich lerne hier, sehr flexibel zu bleiben!

25/01/2018

Heute ist ein Streik, deshalb sind auch die Schulen mehrheitlich geschlossen und nur wenige Lektionen an der Musikschule werden abgehalten. Ich werde am nächsten Montag und Dienstag einen «Rhythm, Goove and Bodymusic» Workhop für alle Kinder anbieten. Dafür wurde mir der Auftrag gegeben ein Plakat zu gestalten, um Werbung dafür zu machen, ich bekam ein grosses weisses Papier, Farbstifte und einen schwarzen Marker. Ich hatte also den ganzen Tag Zeit zu malen und zu üben. Es war schön, wieder einmal Zeit zu haben für etwas wie ein handgefertigtes Plakat!

27/01/2018

Es ist sehr schwierig, etwas genau abzumachen. Mir wird klar, dass ich die Inder nicht immer wirklich ganz verstehe. Manchmal wechseln sie extrem schnell das Thema und gewisse Leute verstehe ich aufgrund ihres Akzents fast nicht. Ich verstehe manchmal nicht, was meine Aufgabe jetzt sein sollte. Aber ich mache einfach was ich kann. Heute ist Samstag und endlich läuft wieder viel an der Musikschule.
Ich hospitiere bei einigen Gruppenunterrichten um zu schauen wie es so läuft. Es ist allgemein für mein Verständnis recht chaotisch, jedoch wird auch Wert auf Disziplin gelegt.
Bei der Gesamtprobe des Orchesters hat niemand die Noten, die Lehrperson weiss nicht, wer welche Kopien braucht, es sind nicht genügend Kopien da, Notenständer sowieso nicht und ausserdem hat die Lehrerin eine sehr leise Stimme und der Lärm der Strasse durch die halboffenen Fenster immens. Ich helfe, Geigen zu stimmen und übernehme eine spontane Registerprobe mit dem einzigen Cellisten und der einzigen Bratschistin im Nebenraum. Für mich scheint es unmöglich, dass das Orchester ein Konzert mit diesen Stücken in zwei Wochen spielen wird! Aber ich bin sehr gespannt und irgendwie muss es ja funktionieren.

Ich treffe Sheba zum ersten Mal und sie sieht aus als hätte sie einen Geist gesehen. Sie macht mir klar, dass ich sehr ähnlich aussehe wie Bettina Amacher, die vor einem Jahr für fünf Monate hier an der Bangalore School Of Music war. Sie bestellt mich auf 17.30 Uhr in ihr Unterrichtszimmer, damit wir den Outreach Chor planen können. Anscheinend macht diese Formation beim grossen Konzert in zwei Wochen ebenfalls mit und es bleiben noch zwei Proben.
Als ich bei ihr erscheine hat sie gerade einen Klavierschüler, aber sie sagt es sei egal, er müsse üben und wir können besprechen. Das finde ich sehr speziell. Unterrichtsstunden sind meiner Meinung nach nicht zum alleine vor sich hin Üben gedacht, sondern eher um vorzuspielen was man zuhause geübt hat und vom Lehrer Tipps zu erhalten. Ausserdem fordert sie den Schüler zwischendurch dazu aufhören zu spielen, damit wir uns besser verstehen können. Dabei zahlen der Schüler bzw. seine Eltern für diese Stunde und da finde ich es extrem ungerecht, dass die Lehrerin 20 Minuten während seiner Lektion etwas anderes macht. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen dem Schüler gegenüber! Aber nun ja, so ist es hier einfach und ich versuche mich anzupassen.

28/01/2018

Heute gebe ich Mitali (meine Zimmarnachbarin aus Südindien) auf ihren Wunsch hin eine kurze Einführung, wie man auf dem Klavier einen Blues spielt. Sie ist klassische Pianistin und hat noch nie Jazz oder Blues gespielt. Sie war sehr erfreut!
Am Abend nimmt sie mich mit an ein Chorkonzert, bei dem einige Musiklehrer der BSM mitwirken. Es ist ein klassisches Konzert, das quasi während dem (christlichen) Gottesdienst stattfindet. Es hat Ventilatoren in der Kirche! So was habe ich bei uns definitiv noch nie gesehen!

29/01/2018

Heute fahren Mitali und ich zur Uni, es ist die grösste in Südindien. Der Schulleiter unserer Musikschule (BSM) ist dort auch noch Dozent. Er hat Mitali gefragt, ob sie ihm die Prüfungen korrigieren könne und sie hat mich gefragt ob ich ihr helfen kann, da es inhaltlich um Jazzgeschichte geht. Da käme ich sicher besser draus als sie. Schon das wäre bei uns unvorstellbar! Man stelle sich vor, irgendjemand (aus dem Ausland, der noch nie so was gemacht hat) korrigiert unsere Uniprüfungen!
Wir haben immerhin einen Lösungsschlüssel. Mitali dachte sich, eine Stunde reiche locker dafür, wir brauchen jedoch etwa doppelt so lang, da man sich in jede Frage zuerst einlesen muss. Da wir auch schon mit einer Stunde Verspätung begonnen haben und der Verkehr in der Stadt heute immens ist, kommen wir viel später als geplant wieder zurück zur Musikschule. Ich bin zum Glück gerade noch rechtzeitig da für meinen Workshop.
Ich finde noch etwas Interessantes über das System der Musikschulen in Indien heraus. Es gibt Prüfungen auf verschiedenen Levels die von der Royal Academy in London aus organisiert sind, dabei kriegt man – sofern man besteht – ein Certificate. Ich glaube man kann das mit dem Sprachen-Certificate von Cambridge vergleichen (First, Advanced, Proficency). Es gibt diese Certificates für alle Instrumente und Niveaus, die Prüfungen kosten aber relativ viel. Eine Lehrerin erzählt mir, dass dies problematisch ist, denn die reicheren Eltern schicken ihre Kinder oft zum Musikunterricht für Prestige – es ist wohl in der reicheren Schicht angesehen, dass man ein Kind mit einem Certificate auf der Geige «vorweisen» kann. Somit üben die Kinder zwar auf die Prüfung hin viel, können aber lediglich die Stücke die an der Prüfung verlangt sind. Ein vertieftes und breites Interesse an der Musik und am Musizieren fehlt zum Teil komplett, was sehr schade ist!

30/01/2018

Jofi und seine Frau Alice laden mich und Mitali ein zum Frühstücken. Wir gehen ins Restaurant, sie empfehlen mir «Poori» das ist so ein frittiertes Fladenbrot dazu gibt es zwei scharfe, salzige Saucen (keine Ahnung was da alles drin ist!)
Der Outreach Choir wir kurzfristig abgesagt (ich erfahre es etwa eine Stunde vorher), da die Schülerinnen und Schüler morgen eine Prüfung haben und sie sich so anscheinend besser auf die Prüfung konzentrieren sollten statt zu singen. Ich verstehe das zwar nicht ganz (vor allem wussten sie doch sicher im vorhinein, dass bald Prüfung sein wird?) aber für mich auch ok, dann habe ich noch mehr Zeit zum Üben. Ausserdem treffe ich mich noch mit Abishek, am Donnerstag werde ich einen Workshop mit seinem Chor ausserhalb der BSM machen. Ich erfahre, dass sein Chor aus Mädchen zwischen 12-15 Jahren besteht, die bereits sehr gut mehrstimmig singen können. Endlich kann ich mit jemandem «normal» bzw. so wie ich es kenne eine Lektion planen. Ich zeige ihm meine Vorschläge die ich herausgesucht habe und er kann mir genau sagen, was die Sängerinnen mögen werden bzw. was sie im Moment brauchen um weiterzukommen. Ich werde zwei Kanons, eine Bodypercussion und ein mehrstimmiges Lied mit ihnen einstudieren. Sie werden für mich ein Taxi organisieren und Abishek kann mich mit seinem Auto zurück zur BSM fahren, da er dann auch wieder hier unterrichtet. Ich freue mich sehr auf den Donnerstag und bin gespannt ob diesmal alles nach Plan verläuft.

Um 17Uhr findet der zweite Teil meines Rhythm&Groove Workshops statt. Es kommen fast doppelt so viele Kinder wie gestern, fast 50! Ich bin etwas überfordert, da alles ziemlich unübersichtlich wird, aber für so viele Kinder ist es eigentlich erstaunlich, wie ruhig es ist. Ich mache verschiedene Rhythmusübungen und Bodypercussions. Es sind viele verschiedene Niveaus, deshalb ist es schwierig allen gerecht zu werden. Trotzdem glaube ich es hat den meisten Spass gemacht und sie haben etwas gelernt. Viele Kinder sind sehr dankbar und kommen zu mir und bedanken sich persönlich!

31/01/2018

Heute und gestern hatte ich Stunden bei einer klassischen südindischen Sängerin (carnatic singing). Das System dieser Musik ist komplett anders, falls ihr mehr darüber erfahren möchtet könnt ihr gerne bei mir nachfragen!

Ein Gitarrenlehrer hat zum Spass vorgeschlagen, er würde für uns Europäer einen Kurs machen in «How to cross a street in India». Es ist nämlich ein Wunder, wie die alle einfach über die Strasse latschen ohne überfahren zu werden. Fussgängerstreifen oder Ampeln für Fussgänger gibt es nicht, zudem sind die meisten Strassen sehr vielspurig (neben ein Auto passen ja locker noch zwei Motorräder…). Man wartet den richtigen Zeitpunkt ab, dann geht man völlig relaxt über die Strasse! Ich muss noch etwas üben 😉
Etwas habe ich noch über die Inder herausgefunden. Auf den ersten Blick wirken die Inder für uns Europäer zum Teil unfreundlich. Statt «Could you pass me the water, please?» heisst es oftmals nur «water water» mit einer herbeiwinkenden Geste dazu. Das ist hier völlig normal und überhaupt nicht unhöflich. Es liegt aber daran, dass es in Hindu weder ein Wort für Danke noch Bitte gibt. Jemand hat mir erzählt, es ist nicht nötig danke zu sagen, die Dankbarkeit erkennen die Inder in den Augen.
«If you feel it, there’s no need to say it – if you don’t feel it, there’s no use in saying it!» Ich finde das einen sehr schönen Gedanken der viel Wahres in sich hat.

01/02/2018

What a day! Es wird immer besser!

Um 11 Uhr morgens werde ich von einem Taxi in einen anderen Stadtteil zu Becky gebracht. Es ist erstaunlich und angenehm ruhig in diesem Quartier, ihre Wohnung sehr sauber, hell und schön. Wir bereiten zusammen eine Lektion vor, die wir am Samstag zusammen abhalten werden «Early Childrens Musik». Sie bietet diesen Kurs an für Fünf- bis Sechsjährige als Einstieg bevor die Kinder ein Musikinstrument lernen. Es ist vergleichbar mit unserer Musikgrundschule. Mit ihr zu planen geht auch sehr gut! Anschliessend bestellt sie chinesisches Essen, das wir dann gleich bei ihr am Tisch essen.
Nachher muss ich gleich weiter, wieder mit dem Taxi dreissig Minuten durch die Stadt. Aus dem Taxi sieht man immer sehr viele Sachen, danach bin ich immer voller Eindrücke! Das Ziel ist die Sophias High-School – eine Mädchenschule mit 3000 Schülerinnen – wo Abishek auf mich wartet. Nachdem wir uns mit der Schulleiterin ausgetauscht haben führt er mich in ein grosses Zimmer mit Keyboard und Bose-Box(!), in dem der Mädchenchor bereits auf mich wartet. Sie singen fantastisch! Kaum zu glauben, sie lernen alles ohne Noten und können wunderbar dreistimmig singen. Ausserdem sind sie sehr herzig und gescheit und lieb und ruhig und alles was man sich so als Lehrer wünschen kann. 😉
Nach der Chorstunde möchte nochmals die Schulleiterin mit uns sprechen. Sie möchte wissen wie es war und mehr über meinen Hintergrund erfahren. Sie reden über Abisheks Arbeit an der Schule mit dem Chor. Sie würden sich freuen, wenn ich nächste Woche wieder an die Schule kommen würde, vielleicht noch mehr Schülerinnen etwas über Musik erzählen bzw. über mein Musikerleben zu erzählen oder ihnen ein kleines Konzert zu geben. Langsam beginne ich zu realisieren, dass diese Kontakte, die ich hier knüpfen kann sehr wertvoll sind. Dieser Austausch hier ist so toll, zum Beispiel lerne ich von Abishek, wie er das ganze aufgegleist hat, wie er mit den Schülerinnen umgeht als Lehrer, was seine Ziele und Ideen sind. Und für ihn war es auch interessant zu sehen, wie jemand aus Europa mit einem Chor und der Musik umgeht.

02/02/2018

Heute wäre Sukrupa-Chor. Ich rufe Sheba (die Lehrerin die den Chor leitet) über Jofis (der im Büro arbeitet) Handy ein paar Stunden vorher an, um zu fragen, wie das genau laufen soll. Sie kommt 13.45h zur BSM um mich und das Keyboard zu holen. 13.45h, ich warte und warte. Und warte und warte. 14.00h sollte unsere Lektion beginnen aber nun ist schon 14.15h. Wir erreichen sie nicht auf ihrem Handy. Der Schulleiter der BSM ist gerade eingetroffen und er ruft den Schulleiter der Sukrupa an um ihn zu informieren. Sie schicken jemanden, der mich abholt. Diesmal ist es ein Mann (ich glaube einer der Lehrer oder sonstigen Angestellten der Sukrupa) mit einem Motorrad. Ich sitze also hintendrauf und versuche nicht runterzufallen, macht noch Spass so durch die Stadt zu fahren J
In der Sukrupa angekommen beginne ich mit den Kindern zu singen. Eine halbe Stunde später kommt Sheba dazu, ein bisschen ausser Atem. Naja, das war wohl der Verkehr oder sonst ein Problem, aber es stört niemanden, dass sie zu spät ist. Ich muss auf jeden Fall bald schon wieder gehen, da ich um 16 Uhr noch eine Geigenstunde geben muss zurück an der BSM. Da wir bald das Konzert haben übernimmt Sheba den Rest der Chorstunde und ich fahre wieder mit dem Motorrad zurück zur BSM.

03/02/2018

Obwohl ich ja sonst eigentlich nicht Geige unterrichte, habe ich gestern und heute je eine Lektion mit zwei Schwestern. Sie spielen auch Bratsche und haben zusammen eine Bratsche. Zuerst bin ich etwas überfordert, wie ich ihnen etwas beibringen kann. Ich fokussiere auf die musikalischen Aspekte, zeige ihnen wie die musikalischen Bogen sein sollten, wer beim Duo-Stück jeweils die Melodie hat soll sich solistisch verhalten etc. auch rhythmisch und intonationsmässig kann ich mit ihnen arbeiten. Gegen Schluss macht es mir sogar Spass und ich habe das Gefühl, den beiden etwas mitgeben zu können. Ich freue mich aber, dass am Montag die Streicherinnen der ZHdK ankommen und ich ihnen das überlassen kann.
Abends steigt das Eröffnungskonzert des East-West-Music-Festivals. Es dauert ab jetzt einen Monat mit verschiedenen Künstlern aus Europa und Indien. Einige Konzerte finden an der BSM statt, andere ausserhalb. Die verschiedenen Stilrichtungen werden gemischt und ausgetauscht. Heute höre ich zum ersten Mal Hindustani Musik (=nordindische klassische Musik). Dann wird dies gemischt mit Jazz/Pop/Rock, das klingt wunderbar! (wenn ihr wollt habe ich ein paar Videos…)

04/02/2018

Am Morgen werde ich wieder einmal von der Kirche neben an geweckt. Es ist eine christliche Kirche. Von 07.30 – 11Uhr wird gesungen, mit lauter Verstärkung, Mikrophonen und Keyboards, gebetet und gefeiert, so dass man es im ganzen Quartier hört.
Naja, zum Glück muss ich sowieso früh auf, denn ich fahre mit einer Auto-Rikschah zur Mythili für eine Gesangsstunde. Sie hat einen tollen «Bandraum», in dem wir auf dem Boden sitzen und Ragas (quasi Tonleitern) üben.
Abends ist das zweite Konzert des Festivals, Anders Miolin spielt klassische Gitarre, anschliessend spielen zwei japanische Musiker auf der «Shamisen». So etwas habe ich noch nie gehört!

05/02/2018

Die anderen Schweizer kommen an. Zum ersten Mal komme ich mir komisch vor, mit den Händen zu essen und so «langsam» zu leben wie hier.
Jetzt läuft sehr viel mehr an der Schule als am Anfang. Die Gitarristen (Musiklehrer sowie Schüler) haben jeden Tag mehrere Stunden Masterclass und öffentliche Lektionen mit Anders Miolin, Fränzi Frick und Shaina Kuo bieten Workshops für StreicherInnen an, zudem probt das Orchester fast jeden Abend für das Konzert am Sonntag. Ich selber habe eigentlich nicht so viel, aber ich helfe Geigen zu stimmen, spiele Bratsche mit im Orchester oder begleite auf dem Klavier. Ich hospitiere in verschiedenen Lektionen und Workshops und lerne dabei viel!
Mir fällt wieder einmal auf, wie wichtig der Austausch ist. Unter Musiklehrern der verschiedenen Instrumente, Schulmusikern, Chorleitern etc., Musikern der verschiedenen Stilrichtungen. Wir sollten das an der ZHdK viel mehr machen. Wir haben so eine grosse Bandbreite an Lehrern, Methoden und Kulturen, alles erreichbar im Toni innert 5 Minuten! Dafür muss man nicht zwingend nach Indien reisen! Ich wünschte, wir würden uns mehr Zeit für Hospitationen, Austausch und Feedbacks nehmen. Davon lernt man am meisten, und kann dabei immer etwas mitnehmen.
Ich bin aber trotzdem sehr froh, hier zu sein! Ich habe mich sehr gut eingelebt hier, mich an den Alltag und den Lärm gewöhnt. Es ist wahnsinnig gemütlich und inspirierend hier an der Musikschule und es gefällt mir unglaublich gut!

07/02/2018

Diese Woche haben wir jeden Abend Orchesterprobe, als Vorbereitung für das Konzert am Sonntag. Das Ziel ist, dass jeder Schüler, jede Schülerin mindestens einmal, wenn möglich meistens in der Probe war. Ich helfe immer mit, spiele Bratsche oder die Cellostimme. Diese Proben sind mit der Zeit sehr anstrengend, vor allem wenn Fränzi und Shaina ständig dieselben Sachen erzählen müssen.

09/02/2018
Die letzte Chorprobe in der Sukrupa vor dem Konzert fällt beinahe ins Wasser. Sheba und ich kommen diesmal absolut pünktlich an. Die Hälfte der Kinder ist jedoch noch am Mittagessen. Ein paar Jungs singen mir in der Zwischenzeit ein Lied in ihrer Sprache vor, sie haben es selber geschrieben und trommeln dazu auf dem Tisch herum. Sehr cool! Nach dreissig Minuten können wir endlich beginnen. Heute sind alle sehr unruhig und es ist sehr lärmig von draussen. Wir kommen kaum vorwärts, haben nicht mehr viel Zeit, am Sonntag ist das Konzert. Dann haben wir plötzlich einen Affen im Schulzimmer! Er ist offensichtlich sehr hungrig und versucht aus den Rucksäcken der Schüler Essen und Wasserflaschen zu klauen. Natürlich gibt das ein grosses Tohuwabohu, alle kreischen und lachen. Anscheinen können die Affen auch gefährlich werden und beissen. Aber es ist auch recht amüsant, vor allem als noch zwei weitere auftauchen und sich um das Ergatterte streiten. Sheba versucht irgendwie die Probe weiterzuführen, ich habe es zwischenzeitlich aufgegeben. Mittlerweile sind sämtliche Lehrer sowie der Schulleiter und seine Mutter im Zimmer versammelt und alle versuchen die Affen zu vertreiben. Hahaha, für mich ist es natürlich grosses Kino. Hier passiert so etwas ab und zu. Als die Affen endlich abgezogen sind, ist nun wenigstens totale Ruhe bei den Kindern eingekehrt. In den letzten zwanzig Minuten können wir nochmals die Lieder für Sonntag durchgehen.

10/02/2018

Am Morgen findet der Carnatic Music Workshop statt. Es ist sehr faszinierend ihnen zuzuhören, ich kann euch gerne noch mehr Details über dieses System erzählen, wenn ihr möchtet.
Alice hat mich gefragt ob ich mit allen Kindern die am Konzert teilnehmen einen Schlusssong einstudieren könnte. Deshalb renne ich heute Nachmittag von Ensemble zu Ensemble um allen den «Final Song» beizubringen. Der sollte Morgen noch direkt vor dem Konzert mit allen zusammen geprobt werden.
Am Abend gehen wir ins Kino einen historischen Bollywood Film anschauen. Er ist in Hindi ohne Untertitel und geht drei Stunden. Riesige Leinwand, tolle Soundanlage und 3D. Es ist fantastisch, die Musik, die Kleider, die Landschaft, die Tänze, die Darstellungen. Wirklich ein wunderbares Erlebnis! Wir kommen erst um halb zwei zurück und morgen müssen wir früh aufstehen für das Konzert.

11/02/2018

Ich konnte noch eine Fahrt mit dem indischen Bus geniessen – nicht mal 50 Rappen für einmal quer durch die Stadt – es hat ein Loch im Boden, die Tür ist offen, überall steigen Leute ein oder aus, egal ob es eine Bushaltestelle hat oder nicht. Ausserdem ist es wahnsinnig laut. Zum Glück ist keine Rushour!
Am Konzertort – ein Auditorium mitten im Stadtpark – sind alle am rumwuseln, es hat kaum Platz und es sind sehr viele Kinder. Die Eltern sind auch immer bei jedem Schritt dabei. Ballone zur Deko werden aufgeblasen, Zwischenverpflegung für die Kinder bereitgemacht, die letzten Proben des Orchesters finden statt. Aber der Sukrupa Chor taucht nicht auf. Der Chor sollte mit einem Car abgeholt werden, Sheba und alle SuS sind zwar pünktlich am vereinbarten Treffpunkt, der Car ist aber irgendwie kaputt und verspätet. Die Probe für den «Final-Song» fällt komplett ins Wasser. Die Orchester beginnen mit dem Konzert. Der Chor kommt für Minuten bevor sie auf die Bühne gehen an. Kein Warm up, keine Aufstellprobe, los auf die Bühne und anfangen.
Der Auftritt und der «Final-Song» funktioniert auch ohne Gesamtprobe. Es hätte aber viel besser sein können, ich finde es schade, wenn wegen der ganzen Organisation die Musik leiden muss.

Aber ich habe mir das Chaos viel schlimmer vorgestellt. Schlussendlich ging das Konzert ganz okay über die Bühne, ich konnte die Ruhe bewahren, den Eltern hat es gefallen, alle sind happy und die Musiklehrer erleichtert.

Wir bekommen statt einer bei uns üblichen Rose einen indischen farbig gemusterten Schal und eine Dankeskarte der Kinder.

Anschliessend müssen wir für Fotoshootings mit einigen Kindern, Geschwistern und Eltern bereitstehen und sagen dann auf Wiedersehen. Die Musikschule lädt uns noch zum Mittagessen ein, danach gehen wir todmüde zurück «nach Hause»…

Es war eine wunderbare Zeit in Bangalore! Indien ist grossartig und gleichzeitig schrecklich. Laut und dreckig, aber extrem gemütlich und herzlich.